Bürgerinnen und Bürger für eine schonende Bewirtschaftung und den Erhalt unserer Wälder

Autor: Bernd Liebermann

  • Nicht in Demut erstarren

    Eine Erwiderung des Autors auf meine Rezension des Buches „Wälder in Bewegung“

    Vor wenigen Tagen erreichte mich eine E-Mail von Dr. Christian Kölling, dem Autor des Buches „Wälder in Bewegung“, das ich hier rezensiert habe. In seiner E-Mail nimmt er als Autor kritisch, aber freundlich und wertschätzend Stellung zu meiner Rezension, worüber ich mich offen gestanden sehr gefreut habe. Auch wenn wir in der Sache zum Teil abweichende Meinungen vertreten, begrüße ich es natürlich, wenn beide Seiten stets offen für einen sachlichen und respektvollen Dialog bleiben. Unser Wald befindet sich – unter Druck gesetzt durch den Klimawandel – in einem kritischen Zustand, und die Debatte darüber, wie wir die Zukunft unser Wälder sichern können, wird kontrovers und teils sehr emotional geführt. Da erscheint es mit besonders wichtig, dass alle Akteure in einem konstruktiven Austausch bleiben und es nicht zu einer Verhärtung der Fronten kommen lassen.

    Herr Kölling hat mir freundlicherweise gestattet, seine Stellungnahme zu veröffentlichen. Im Folgenden seine ungekürzte E-Mail:

    Hallo Herr Liebermann,

    heute habe ich Ihren Blogbeitrag (Waldumbau – Lösung oder Irrweg? – Bürgerwaldinitiative Kreis Offenbach) zu meinem Buch „Wälder in Bewegung“ gelesen. Sie haben sich wirklich viel Mühe gegeben und das Buch sorgfältig gelesen und kritisch gewürdigt. Das finde ich super, jeder Autor wünscht sich solche Leser, auch wenn sie nicht in allem seiner Argumentation folgen. Mittlerweile bin ich Rentner und befasse mich gar nicht mehr mit Forstthemen, sondern mit Naturschutz und Stadtgrün. Meinen Abschiedsartikel finde Sie hier verlinkt. Aus dem wird vielleicht nochmal deutlich, dass es sich bei „Unterstützter Wanderung“ und „Bedachter Anreicherung“ nicht um Möglichkeiten, sondern gelebte Praxis in einigen Regionen, darunter auch in dem von mir bespielten Raum im nördlichen Mittelfranken handelt.

    Am Ende Ihrer Besprechung greifen Sie das Homo-Faber-Argument auf. Dazu habe ich Ihnen unten die recht schlaue Antwort der KI (Google Gemini) hinkopiert. Das Fazit könnte ich selbst nicht besser formulieren: „Das Homo-Faber-Argument fungiert als Warnung vor forstlicher Selbstüberschätzung. Die moderne Forstwirtschaft versucht heute meist, eine Brücke zu schlagen: Einen naturnahen Waldumbau, der zwar menschliche Impulse setzt (z. B. Mischwaldstrukturen pflanzen), aber der natürlichen Dynamik und Selbstregulation des Ökosystems den größtmöglichen Raum überlässt.“. Ich weiß, dass bestimmte Kreise, darunter der NABU (in Bayern: LBV) und der BUND (in Bayern BN, ich bin Mitglied) eine große und tief verankerte Abneigung gegen alles Ingenieurmäßige im Wald haben. Meine gegenläufige Argumentation dafür lautet: Der Mensch hat mit dem Klimawandel sehenden Auges eine technische Umweltkatastrophe beschworen, indem er über hundert Jahre lang die Atmosphäre als Müllkippe missbraucht hat. Es ist nun sehr viel von den Selbstregulationskräften der Natur verlangt, die Heilung der Auswirkungen dieser Altlast auf den Wald der Natur allein zu überlassen, zumal diese darauf gar nicht vorbereitet und trainiert ist. Nicht mit aktiven Maßnahmen, sondern mit Nichtstun und dem Zulassen der Selbstheilungskräfte der Natur zu begegnen, ist angesichts der Größe und Neuheit des Problems zu wenig. Technisches, ingenieurmäßiges Handeln hat den Wald in eine prekäre Lage gebracht, nun soll demütiges Warten auf die dynamische Selbstheilung (D. Knapp) das Problem lösen? Das verstehe wer will, ich halte es dagegen für moralisch geboten und zweckmäßig, der Natur mit ein paar maßvollen und bedachten Interventionen unter die Arme zu greifen und so ihre Überforderung zu kompensieren. Das ist eine Frage der Verantwortung. Wer die Lage herbeigeführt hat (der Mensch), muss sich auch an der Rettungsaktion beteiligen. Auf allen Feldern der Klimawandelanpassung beobachtet man aktive Interventionen, warum sollte der hochbetroffene Wald da als einziges Feld außen vor bleiben?

    Ich habe einen sehr großen Respekt vor den Grenzen des Wissens und auch genügend Verehrung für die Regulationskräfte der Natur. Aber ich möchte nicht in Demut erstarren, sondern mit guter und maßvoller Ingenieurskunst etwas wieder einrenken, was der Mensch mit seinem verantwortungslosen Handeln ausgerenkt hat. Im verlinkten Artikel können sie sehen, wie das in der Praxis gelingt. Übrigens folgten wir Ihrer Anregung und machten die Löcher zur Aufnahme der Zukunftsbaumarten aus den Zwillingsregionen 800 – 1000 m² groß: das Baumwohl steht über allem, dazu gehört auch die Versorgung mit Licht und Wasser.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christian Kölling

    Prompt: „Homo-Faber-Argument Waldumbau“

    Das Homo-Faber-Argument im Kontext des Waldumbaus beschreibt den philosophischen und forstwissenschaftlichen Konflikt zwischen technokratischer Machbarkeit und ökologischer Selbstregulation. Es thematisiert die Frage, inwieweit der Mensch (als Homo faber – der „schaffende“, technologisch gestaltende Mensch) den Wald aktiv umbauen und kontrollieren darf oder ob er sich auf die Naturerfahrung und natürliche Prozesse verlassen sollte. [1, 2, 3]

    Der Begriff wird in forstlichen Debatten (insbesondere geprägt durch Forstwissenschaftler wie Christian Kölling) herangezogen, um zwei gegensätzliche Denkschulen beim Waldumbau im Klimawandel zu verdeutlichen: [1]

    1. Das Homo-Faber-Paradigma (Der technokratische Waldumbau)

    • Die Kernthese: Der Klimawandel verläuft schneller, als sich heimische Baumarten evolutionär anpassen können. Daher muss der Mensch aktiv, planerisch und ingenieurmäßig eingreifen. [1, 2, 3]
    • Die Maßnahmen: Gezielte Einbringung von (teils nicht-heimischen) klimaresilienten Baumarten, künstliche Verjüngung durch Pflanzung, intensive Pflege und forsttechnische Steuerung des Ökosystems. [1, 2]
    • Kritik im Sinne des Arguments: Der Mensch verhält sich wie Walter Faber aus Max Frischs gleichnamigem Roman: Er vertraut ausschließlich auf Berechnungen, Modelle und die technologische Beherrschbarkeit der Natur, blendet dabei jedoch die unvorhersehbare Eigendynamik und Komplexität lebender Systeme aus. [1, 2, 3]

    2. Das Gegenargument (Die ökologische Demut)

    • Die Kernthese: Der Wald ist kein technisches Konstrukt, sondern ein dynamisches, selbstregulierendes Ökosystem.
    • Die Maßnahmen: Fokus auf natürliche Sukzession (Naturverjüngung), Förderung der Biodiversität und Vertrauen darauf, dass sich der Wald aus eigener Kraft anpasst. [1, 2]
    • Das Argument: Der Versuch des Homo faber, den perfekten „Zukunftswald“ am Reißbrett zu entwerfen, läuft Gefahr, die gleichen Fehler zu wiederholen, die im 19. und 20. Jahrhundert zu den anfälligen Fichten- und Kiefernmonokulturen geführt haben. [1, 2]

    Fazit & Abwägung

    Das Homo-Faber-Argument fungiert als Warnung vor forstlicher Selbstüberschätzung. Die moderne Forstwirtschaft versucht heute meist, eine Brücke zu schlagen: Einen naturnahen Waldumbau, der zwar menschliche Impulse setzt (z. B. Mischwaldstrukturen pflanzen), aber der natürlichen Dynamik und Selbstregulation des Ökosystems den größtmöglichen Raum überlässt. [1, 2]

  • Waldumbau – Lösung oder Irrweg?

    Eine kurze Rezension des Buches Wälder in Bewegung von Christian Kölling

    Der in der Forstwirtschaft schon seit über 100 Jahren bekannte Begriff des Waldumbaus hat durch den Klimawandel eine neue Renaissance erfahren und darüber hinaus sogar Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. Es vergeht kaum eine Woche, in der wir nicht über Zeitungen, Rundfunk oder Social Media von Förstern darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass unser Wald angezählt sei und dringend umgebaut werden müsse, wenn er denn in den kommenden Jahrzehnten der Erderhitzung eine Überlebenschance bewahren soll. Aber was genau ist damit gemeint: den Wald umbauen? Wie geht das? Was sind die Chancen, Risiken und Grenzen dieses Waldumbaus? Der promovierte Forstwissenschaftler und Pionier der Waldumbau-Bewegung Christian Kölling versucht diese Fragen in seinem 2024 erschienenen Buch Wälder in Bewegung1 zu beantworten.

    Christian Kölling: Wälder in Bewegung. 2024, oekom Verlag München. ISBN-10: 3987261048

    Bäume sind ortsgebundene Lebewesen, die auf einigermaßen stabile klimatische Bedingungen angewiesen sind. Hat ein Samen den Entschluss gefasst, zu keimen und eine Wurzel auszubilden, dann bindet ihn dies für den Rest seines unter Umständen mehrere Jahrhunderte dauernden Lebens an diesen einen Ort. Ändern sich dort die Bedingungen und wird es wärmer oder trockener, kann der Baum nicht nach Norden in eine kühlere Klimaregion flüchten. Entweder schafft er es, sich anzupassen, oder er geht an den veränderten Bedingungen zugrunde. Ebenso wenig wie unsere Buche oder Fichte davonlaufen können, können die hitzegewohnten Zerreichen und Baumhaseln aus Italien und der Türkei von allein zu uns kommen. Zwar haben sich Wälder auch in der Vergangenheit durch die Ausbreitung von Baumarten an veränderte klimatische Bedingungen angepasst, aber diese Prozesse benötigen, wenn sie von selbst ablaufen, mehrere Jahrtausende. Die Erderwärmung vollzieht sich indes mit rasender Geschwindigkeit. Um nun sicherzustellen, dass wir, wenn wir in 30 Jahren ein Klima wie in Südspanien haben, trotzdem Bäume in unseren Wäldern vorfinden, die mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen, pflanzen wir jetzt eben jene Zukunftsbäume bei uns an. Die Forstwissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von unterstützter Wanderung oder international von assisted migration.

    Doch woher sollen unsere Zukunftsbäume kommen? Ausgehend von den Modellszenarien des Weltklimarates IPCC, haben Wissenschaftler sogenannte Zwillingsregionen ermittelt, in denen heute bereits das Klima herrscht, mit dem wir nach Ansicht des Autors in den nächsten Jahrzehnten zu rechnen haben. Wobei „Klima“ hierbei auf drei einfache Größen reduziert wird: Sommertemperatur, Wintertemperatur und Sommerniederschläge. Je nach Szenario und Zukunftsjahrzehnt, liegen diese Zwillingsregionen mehr oder weniger weit im Süden, z.B. in Südfrankreich, Spanien oder in der Türkei. Dort werden nun die Waldbestände analysiert und gezählt, welche Baumarten wie häufig vorkommen. Die Logik dahinter: Je häufiger eine Baumart, desto besser ist sie an das lokale Klima angepasst. Kölling, der immer wieder auf Fußballmetaphern zurückgreift und dadurch den Eindruck erweckt, als betrachte er den Klimawandel als eine Art sportlicher Herausforderung, ordnet die Bäume nun in einer Tabelle an: ganz unten stehen die Absteiger, also die Verlierer des Klimawandels: Lärche, Buche, Fichte, Tanne, etc. Ganz oben hingegen finden sich die Aufsteiger, also diejenigen Baumarten, die nach Sicht des Autors unseren Wald im 22. Jahrhundert prägen werden: Mannaesche, Stein- und Flaumeiche, Schwarznuss und andere… In der Tabellenmitte schließlich sammeln sich all diejenigen Arten, die eine breite Klimaamplitude aufweisen und sowohl mit unserem aktuellen als auch dem erwarteten künftigen Klima gut zurecht kommen: Hainbuche, Stieleiche, Traubeneiche, Feldahorn, Vogelkirsche und andere.

    Bei der vorherigen Aufzeichnung fällt sofort ins Auge, dass diese Baumarten bei uns heimisch sind und zum Teil heute schon weit verbreitet in unseren Wäldern vorkommen. Dennoch rät Kölling dazu, auch „Spieler“ aus der Tabellenspitze frühzeitig in unsere Wälder zu integrieren, um kein Potential zu verschenken. Er plädiert dabei für ein sparsames und effizientes Vorgehen und empfiehlt, die neuen Baumarten kleinflächig in sogenannten Trupps einzubringen, also eingesprenkelt in den vorhandenen Bestand auf Flächen von ca. 200 m². Der Autor spricht hier auch von einer „Anreicherung“ des vorhandenen Waldes. Man soll sich die kleinen Trupps von Zukunftsbaumarten als Keimzellen des Zukunftswalds vorstellen. Allerdings benötigen die meisten Baumarten 40-60 Jahre bis sie zum ersten Mal blühen und keimfähige Samen ausbilden, also sich selbst vermehren und eine eigene Naturverjüngung begründen können – ein Aspekt, dem im Buch wenig Beachtung geschenkt wird.

    Ein weiterer Aspekt, der von Kölling kaum behandelt wird, ist die Frage, wo und wie die Einbringung ganz praktisch erfolgen soll. Viele Baumarten benötigen beim Start viel Licht, und eine Lücke von 15 Meter Durchmesser in einem Altbestand wird in vielen Fällen zu wenig Licht durchlassen, als dass die jungen Bäume rasch anwachsen. Entweder beschränkt man sich beim Waldumbau also auf Kalamitätsflächen, oder man führt sogenannte Schirmhiebe durch und schlägt größere Löcher mit einer Fläche von 0,3 Hektar oder mehr in den Wald und überlässt die Fläche zwischen den Trupps der natürlichen Sukzession. Dies führt jedoch zu einer Störung des Waldinnenklimas und kann bei extremer Hitze und Trockenheit die Pflanzfläche ebenso wie den umstehenden Bestand schwächen. Es gibt leider zahlreiche Beispiele von Aufforstungen, die nicht wie erhofft anwuchsen und bei denen nach wenigen Jahren ein Totalverlust zu beklagen war. Vor diesem Hintergrund erscheint es fraglich, einen intakten Wald zu fällen, um an seiner Stelle einen neuen Wald mit Zukunftsbaumarten zu begründen, dessen Zukunft aber möglichweise schon nach wenigen Jahren wieder zu Ende ist.

    Eine weitere Schwäche von Köllings Ansatz betrifft eine zentrale Unsicherheit der Klimavoraussagen: die Frage nach der Zukunft des Nordatlantikstroms, der Teil des größeren Strömungssystems Atlantic Meridional Overturning Circulation ist, kurz AMOC genannt. Diese Fortsetzung des besser bekannten Golfstroms transportiert warmes Wasser aus tropischen Breiten in den Nordatlantik und trägt so wesentlich zu unserem milden und gemäßigten Klima bei. Die Klimaprognosen, die Kölling seiner Auswahl der Zukunftsbäume zugrunde legt, stammen aus dem Jahr 2021, als unter Klimaforschern weitgehend Konsens bestand, dass der Nordatlantikstrom sich bis zum Ende des Jahrhunderts möglicherweise abschwächen, aber nicht zusammenbrechen wird. Diese Einigkeit bröckelt nach neuen Studien seit dem Jahr 2024 jedoch zusehends2. Ein Kollaps in den nächsten 20 Jahren wird von vielen Wissenschaftlern mittlerweile als nicht mehr unwahrscheinlich erachtet. Käme es tatsächlich so, hätte dies zur Folge, dass das Klima, das uns in 30 bis 40 Jahren erwartet, nicht dem heutigen Klima in Südspanien ähneln würde, sondern vielmehr dem in Ontario, Quebec oder Neufundland. Konkret bedeutet dies lange, eisig kalte Winter mit Temperaturen um -20°C oder darunter sowie kurze und relativ trockene Vegetationsperioden. Das ist ein fundamental anderes Szenario als jenes, das Kölling der Planung seines Zukunftswaldes zugrunde legt. Viele der Zukunftsbaumarten aus dem mediterranen Raum sind nicht an die dann zu erwartenden Frosttemperaturen angepasst oder reagieren empfindlich auf Spätfröste.

    Angesichts der großen Unsicherheit, die zwangsläufig mit der Vorhersage hochkomplexer Systeme wie dem Klima einhergeht, und auch in Anbetracht von Köllings solider wissenschaftlicher Ausbildung überrascht es doch ein wenig, wie apodiktisch er seinen Ansatz als den allein richtigen anpreist und keinerlei Zweifel an seiner eigenen Argumentation aufkommen lässt. Sein Büchlein erinnert ein wenig an eine Fibel, die verunsicherte Förster auf den rechten Weg einschwören soll. Er spricht gerne davon, dass sein Konzept sich auf Evidenz gründe und erweckt den Anschein großer Überlegenheit, dabei übersieht er jedoch die banale Tatsache, dass die IPCC-Modellpfade nichts weiter als ein educated guess sind – Menschen, die sich gut mit der Materie auskennen, glauben, dass unsere Zukunft so oder so sein wird. Das hat mit Evidenz ebenso wenig zu tun wie der Wetterbericht für das übernächste Wochenende. Auch wenn beide jeweils nach streng wissenschaftlichen Kriterien zustande kommen, erzeugen sie dennoch keine Evidenz, auf deren Basis wir klar und verlässlich planen könnten.

    Daher sollte man erwägen, ob es angesichts der erheblichen Unsicherheit in Bezug auf unser künftiges Klima nicht sinnvoller wäre, zuerst einmal das bestehende Waldökosystem zu stabilisieren und seine Resilienz gegenüber biotischen und abiotischen Schädigungen zu stärken. Mögliche konkrete Schritte hierzu könnten beispielsweise sein:

    • eine zurückhaltende und schonende Bewirtschaftung und damit Aufbau des Holzvorrats auf über 400 Festmeter je Hektar (aktuell im Schnitt ca. 330 FM/ha)
    • die Schaffung dichter, mehrschichtiger Bestände (Dauerwald) statt fortgesetzter Bewirtschaftung von Altersklassenwäldern nach Schema F
    • die behutsame Förderung heimischer Baumarten mit großer Standortamplitude wie Hainbuche, Zitterpappel oder Waldkiefer.
    • der Verzicht auf das Auflichten weitgehend intakter Buchenbestände
    • die Nutzung von Kalamitätsflächen zur Anreicherung der Naturverjüngung mit Baumarten, die klimatisch anpassungsfähig, d.h. sowohl frost- als auch dürretolerant sind.

    Ein wenig erinnern Kölling und sein ausgeklügeltes Konzept des Waldumbaus an den Protagonisten aus Max Frischs Roman Homo faber, den schaffenden Menschen, der stets geleitet wird von einem unerschütterlichen Vertrauen in die Beherrschbarkeit von Natur und Schicksal mit den Mitteln von Technik und Intelligenz, und der am Ende doch scheitert, eingeholt und eines besseren belehrt vom Unvorhersehbaren, das einzukalkulieren er nicht in der Lage war. Dies wirkt um so tragischer, als die Forstwirtschaft mit dem Zusammenbruch von knapp 10% der deutschen Waldflächen in den Jahren 2018-2022 erst vor kurzem ihren ganz eigenen Homo-faber-Moment erlebt hat. Hatten sich die forstlichen Akteure bei der Bundeswaldinventur 2012 noch selbst auf die Schulter geklopft und den deutschen Wald als nahezu unerschöpfliches Reservoir nachwachsenden Rohstoffs gepriesen, musste man nicht mal ein Jahrzehnt später eingestehen, dass man die Dramatik des Klimawandels offenbar doch unterschätzt hat. Jetzt aber habe man alle Zusammenhänge verstanden, heißt es bei Kölling, jetzt weiß man es besser, ersetzt unsere angezählten heimischen Bäume durch nicht-heimische Baumarten aus Südeuropa und schafft auf diese Weise den „klimaresilienten Wald der Zukunft„. Pierre Ibisch und Peter Wohlleben schreiben hierzu in ihrem lesenswerten Buch Waldwissen3 die bemerkenswerten Sätze:

    Gestaltungswille und Machbarkeitswahn der Forstingenieur:innen, der auf der puren Annahme beruht, wir könnten Ökosystem so bauen, dass sie besser an den Klimawandel angepasst sind, werden zur neuen Bedrohung für den Wald. Auf großer Fläche sind die bisherigen Waldbaumodelle gescheitert und bereits jetzt allein in Deutschland Monokulturen auf Tausenden von Quadratkilometern Fläche verbrannt oder abgestorben. Warum sollten dieselben Ingenieur:innen, die versuchten, „Wald zu bauen“ und dabei diese anfälligen Kunstforste schufen, nunmehr in der Lage sein, den Wald an zukünftige Umweltbedingungen anzupassen? Nur deshalb, weil Menschen sich mögliche Zukünfte vorstellen können, die dann so gar nicht eintreffen?

    Literatur

    (1) Kölling, Christian (2024). Wälder in Bewegung. Eine Reise durch 100 Jahre Wald- und Klimazukunft. oekom Verlag, München.

    (2) van Westen, R. M., et al. (2024). Physics-based early warning signal shows that AMOC is on tipping course. In: Science Advances, Vol. 10, Issue 6. DOI: 10.1126/sciadv.adk1189

    (3) Wohlleben, Peter & Ibisch, Pierre (2023). Waldwissen. Vom Wald her die Welt verstehen. Ludwig Verlag, Müncchen

  • Die Bürgerwaldinitiative – wie es dazu kam…

    Die Bürgerwaldinitiative – wie es dazu kam…

    Im Jahr 2018 war ich zusammen mit meiner Frau aus der Seligenstädter Altstadt nach Dietzenbach auf den Hexenberg gezogen. Im ersten Jahr erlebten wir das Fehlen eines Flusses im unmittelbaren Umfeld als großen Verlust und witzelten oft, dass wir eines Tages einen Rhein-Main-Kanal vom Kühkopf nach Seligenstadt am Hexenberg vorbei bauen würden, um wieder direkten Anschluss an unseren geliebten Main zu bekommen. Relativ schnell entdeckten wir jedoch den Reiz der Feld- und Wald-Landschaft rund um den Hexenberg. Gerade der Wald mit seiner schattigen Kühle bot im heißen Sommer 2018 eine Gelegenheit, der großen Hitze zu entfliehen.

    Allerdings folgte auf den Rekordsommer 2018 ein weiterer noch heißerer Sommer 2019. Ich arbeitete damals noch nicht im Homeoffice und fuhr jeden Morgen auf dem Weg ins Büro über die Kreisquerverbindung am Gut Neuhof vorbei und sah, wie der Wald links und rechts der Straße unter der Hitze und Trockenheit litt und bereits im August begann, seine Blätter abzuwerfen. Täglich mit ansehen zu müssen, wie die Natur langsam verdurstet, täglich den Wetterbericht zu prüfen und keine Anzeichen auf Regen in den nächsten 10 Tagen zu finden, war eine quälende Erfahrung, die sich mir tief eingeprägt hat. Dies war für mich die Zeit, als ich zum ersten Mal konkret begriff, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unser gewohntes Leben und unsere Zukunft darstellt. Zugleich begann sich meine Beziehung zum Wald zu vertiefen, und meine Sorgen um seine Zukunft nahmen zu, auch angesichts der teils dystopischen Bilder von großflächig abgestorbenen Fichtenplantagen.

    Der folgende Sommer 2020 war ebenfalls heiß und sehr trocken, erst das Jahr 2021 brachte eine gewisse Erleichterung. Doch bereits 2022 setzte sich die Serie zu heißer und trockener Sommer fort. Ich begann, mich im Frühjahr über jeden Baum im Wald zu freuen, der wieder austrieb, und fürchtete mich Anfang Mai schon vor der bevorstehenden Hitze im Juni. Zugleich beobachte ich hier und da mit immer größerem Befremden, wie die Forstwirtschaft trotz des besorgniserregenden Zustands der Wälder weiterhin große Mengen Holz einschlug. Ein derart geschwächtes Ökosystem weiter auszuplündern, schien mir intuitiv irgendwie falsch zu sein. Ich entdeckte Peter Wohlleben und seine Sicht auf den Wald und begann, mich auch theoretisch mit den Themen Wald und Forstwirtschaft auseinander zu setzen. Ich stieß auf Wissenschaftler wie Pierre Ibisch und Förster wie Lutz Fähser, Wilhelm Bode, Dietrich Mehl, Klaus Borger oder Volker Ziesling und lernte dort eine professionelle Sicht auf den Wald kennen, die mir weitaus mehr entsprach.

    Im Jahr 2025 brachte mich eine forstliche Maßnahme im Wald an der Bulau bei Urberach so auf die Palme, dass ich beschloss, nicht mehr weiter einfach nur zuzuschauen. Die Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der die Arbeiter in ihren schweren Maschinen durch den Wald pflügten, alles platt machten, was ihnen im Weg war, und Schäden an jungen und alten Bäumen zuhauf einfach billigend in Kauf nahmen, entsetzte mich und machte mich wütend. Auf meinen Spaziergängen im Wald begegnete ich öfters dem Dietzenbacher Stadtverordneten Jürgen Balzar, dem es genauso erging. Jürgen holte noch zwei Stadtverordnete von den Grünen mit ins Boot und zusammen mit einigen weiteren Hexenbergern begutachteten wir die angerichteten Schäden im Rahmen eines gemeinsamen Waldspaziergangs. Wir nahmen Kontakt mit dem Forstamt Langen auf, tauschten uns mit der zuständigen Försterin sowie dem Forstamtsleiter aus und reichten sogar eine Beschwerde bei der zuständigen FSC-Zertifizierungsstelle ein. Es kam zu einem anfangs hitzigen und emotional aufgeladenen, später aber durchaus respektvollen Austausch, an dessen Ende nichtsdestotrotz natürlich fundamentale Differenzen in der Sicht auf den Wald und die richtige Form der Bewirtschaftung bestehen blieben. Das Ganze mündete schließlich in der Idee zu einer Bürgerinitiative, die sich für einen rücksichtsvolleren Umgang mit den Wäldern vor unserer Haustür einsetzen soll.

    Da das Problem kein lokales Dietzenbacher Problem ist, wollen wir uns für den Kommunalwald im gesamten Kreis Offenbach stark machen und die Stimmen und Interessen all derer bündeln, die den Wald lieben und sich um seine Zukunft sorgen – aufgrund des Klimawandels, aber auch aufgrund der Art und Weise, wie der Wald von der Forstwirtschaft behandelt wird.

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